Wie Unanständig-Sein salonfähig geworden ist
Nach meiner verpatzten Biologiematura ging ich schnurstracks in einen Fust, um mir mein erstes Mobiltelefon zu kaufen. Es kostete ein Vermögen, hat dafür heute aber Kult-Status: ich leistete mir nämlich die berühmte Nokia-Banane.
Ich war einer der ersten in meinem Freundeskreis, der ein Handy besass (wirklich nützlich war es daher nicht!); grundsätzlich waren Mobiletelefone damals noch nicht sehr populär. Aber der Punkt, den ich hier eigentlich machen möchte, ist der folgende: ein Mobiltelefon in einem Restaurant auf den Tisch zu legen, in der Öffentlichkeit zu telefonieren oder gar das Telefon auf dem Klingelmodus zu haben wurde sozusagen als Kapitalverbrechen behandelt. Man wurde skeptisch beäugt und mehr oder weniger auf die niedrigste Gesellschaftsstufe herabgeordert.
Wie Zeiten sich ändern! Dank der digitalen Revolution ist heute jeder vernetzt. Jedermann besitzt mindestens ein Mobiltelefon. Im Gegensatz zur Zeit meiner Matura ist heute derjenige Aussenseiter, welcher kein solches Gerät besitzt.
Das erschreckende Resultat dieser Entwicklung ist jedoch, dass Unanständig-Sein salonfähig geworden ist. Man gehe in ein Cafe oder fahre mit der U-Bahn, die Szenen wiederholen sich. Ein Paar beim romantischen Abendessen, beide halten den Blackberry in den Händen; die direkte Kommunikation zwischen den beiden beschränkt sich auf die Bestellung beim Kellner. Oder: eine Familie bei einer Zirkusvorführung – was früher ein Höhepunkt in einem ‘Kinder-Tag’ war, wird heute kaum noch wahrgenommen, denn das betreffende Kind ist mit dem Spielen der neusten Handy-Games beschäftigt. Oder: wir befinden uns auf einer Party Smalltalk betreibend, doch unser Gegenüber ist so gar nicht am Gespräch interessiert, sondern am SMS beantworten.
Es scheint, als beziehen wir unser Selbstverständnis im Zeitalter der ‘Digital Natives’ aus unseren ‘Gadgets’. Wir sind ständig abgelenkt und auf dem Weg, die Kunst der direkten Kommunikation, welche Basis jeglichen Mensch-Seins ist, zu verlieren.
Es ist noch nicht so lange her und solch ein Verhalten wären von der Gesellschaft als inakzeptabel bezeichnet worden. Erinnern sie sich noch daran?